Frauenraum am 9. Dezember

Begrenzte Teilnehmerinnenzahl! Anmeldung: sinnpraxis.hamburg@gmail.com

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge zieh’n.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang,
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke

Wir hatten doch so viel vor…

Ich bin so müde. Müde von dem Gewicht deiner Gedanken, deiner Begriffe, Konzepte und Regeln. Müde von dem Kampf mit den Worthülsen, in die du mich einpferchen willst. Dabei weißt du genau, dass ich nicht hinein passe. Und doch, versuchst du es trotzdem immer wieder. Warum? Hast du vergessen, wie es einmal war? Damals, als wir zusammen gestaunt haben, als ich dir meine Geschenke gezeigt habe und du sie bewundernd bewahrt hast? Weißt du nicht mehr, wie der Regen dich geküsst hat, wie fröhlich wir da waren? Oder als dich der Duft der Blumen gestreichelt hat, weißt du noch, wie sich alles mit deiner Nase gefreut hat und wir gemeinsamen glitzerten? Und wie deine Augen ganz Spiegel wurden, als sie die erste Schneedecke berührten, ach, wie kalt es da war. Weißt du noch, wie deine Füßlein geschmerzt haben und du trotzdem nicht von mir lassen konntest? Und am Wasser, was für Zauberschlösser wir gebaut haben, weißt du noch? Wie zwischen deiner Haut und meiner keine Grenze mehr war, nur noch alles Sand und Matsch und Glück. Oder noch viel früher… bevor es Licht war. Erinnerst du dich? Als wir uns gemeinsam, eingerollt im warmen, dunklen Haus, auf alles vorbereitet haben? So viele Geschichten haben wir uns ausgedacht, wollten sie gemeinsam auf die Welt bringen. So viele Geheimnisse haben wir einander anvertraut. Was ist nur geschehen? Wenn ich jetzt nach dir rufe, hältst du dir die Ohren zu. Wenn ich dich anlächle, dann siehst du an mir vorbei. Wenn ich dir nah sein möchte, stößt du mich weg. So viele meiner Berührungen hast du schon abgeschüttelt, so viele Geschenke, die ich dir sorgfältig vorbereitet habe, hast du nicht einmal bemerkt. Du fehlst mir. Wir hatten doch so viel vor…
Dein Leben

Begegnung

Lebendige Begegnungen berühren den inneren Nährboden jedes Einzelnen.
Je tiefer wir uns auf unser Gegenüber einlassen desto unklarer wird, wo der eine Boden anfängt und der andere aufhört. Bis wir uns im anderen erkennen und sehen, dass sein Wachstum immer auch unser eigenes ist. Und jede Blüte oder Pflanze, die wir säen, uns nicht gehört oder von uns gemacht ist, sondern ein Geschenk dieser Begegnung ist.

Der unnütze Baum

Hui Dsï redete zu Dschuang Dsï und sprach: »Ich habe einen großen Baum. Die Leute nennen ihn Götterbaum. Der hat einen Stamm so knorrig und verwachsen, daß man ihn nicht nach der Richtschnur zersägen kann. Seine Zweige sind so krumm und gewunden, daß man sie nicht nach Zirkel und Winkelmaß verarbeiten kann. Da steht er am Weg, aber kein Zimmermann sieht ihn an. So sind Eure Worte, o Herr, groß und unbrauchbar, und alle wenden sich einmütig von ihnen ab.«

Dschuang Dsï sprach: »Habt Ihr noch nie einen Marder gesehen, der geduckten Leibes lauert und wartet, ob etwas vorüber kommt? Hin und her springt er über die Balken und scheut sich nicht vor hohem Sprunge, bis er einmal in eine Falle gerät oder in einer Schlinge zugrunde geht. Nun gibt es aber auch den Grunzochsen. Der ist groß wie eine Gewitterwolke; mächtig steht er da. Aber Mäuse fangen kann er freilich nicht. Nun habt Ihr so einen großen Baum und bedauert, daß er zu nichts nütze ist. Warum pflanzt Ihr ihn nicht auf eine öde Heide oder auf ein weites leeres Feld? Da könntet Ihr untätig in seiner Nähe umherstreifen und in Muße unter seinen Zweigen schlafen. Nicht Beil noch Axt bereitet ihm ein vorzeitiges Ende, und niemand kann ihm schaden. Daß etwas keinen Nutzen hat: was braucht man sich darüber zu bekümmern!«

(Zhuang Zi: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland)